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Die Würde des Seins ernst nehmen

Es ist an der Zeit, Albert Schweitzers "Ehrfurcht vor dem Leben" wieder in Erinnerung zu rufen.

In vielen modernen Gesellschaften ist der Rechtsbegiff der Menschenwürde verfassungsmäßig verankert. Allen Menschen wird unabhängig jeglicher  Unterscheidungsmerkmale der selbe Wert zugebilligt. Und dieser Wert wird über den aller anderen Lebewesen und Dinge gestellt. Letzteres sei nicht mehr zeitgemäß, meint der international angesehene Fotograf Anselm Spring. In seinem Essay "Mit den Augen des Lebendigen" (in: natur § kosmos, Oktober 2001) fordert er uns auf, unser Verständnis von Menschwürde "auf den allem Lebendigen innewohnenden Wert" auszudehnen.

Mit den Augen des Lebendigen

Angesichts des Arten- und Wertesterbens sollten wir heute unser Verständnis von Menschwürde auf den allem Lebendigen innewohnenden Wert ausdehnen, denn er bestimmt letztlich unser wahres Selbst. Ist sie jedoch menschenzentriert, dann verliert Würde ihren hohen Rang als gestaltende Kraft. 

Dass Sonne, Mond und Sterne, Erde, Wasser, Luft und Feuer, Pflanzen und Tiere im Menschen lebendig sind, weil er durch sie und aus ihnen lebt, ist mehr als nur eine mystische Behauptung. Er nimmt sie als Nahrung zu sich, er braucht sie zu seinem Schutz und Nutzen, und er nimmt sie durch seine Sinne wahr. Das prägt seine Persönlichkeit mit. Der Mensch ist jenes gewisse Etwas mehr als die Summe all der Bedingungen und Umstände, durch die er geworden ist. Wer aber diese Grundlagen der Menschwerdung gefährdet, nimmt die Würde des Seins nicht ernst.

Diesen Vorwurf müssen sich moderne Gesellschaften gefallen lassen. Sie zerstören wider besseres Wissen die Schöpfung. Sie bevorzugen eine allein auf den Menschen zugeschnittene Welt. Es scheint, als ob wir die Abhängigkeit von der natürlichen Schöpfung geradezu hassen. Mit fatalen Folgen. Wer ständig derart mit der Würde spielt, nimmt Abstriche an seinen inneren Werten hin und verliert diese schließlich. (Anselm Spring, Fotograf; in: natur § kosmos, Oktober 2001)

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