Lorcher Bienensegen

Lorcher Bienensegen, den wir hier im originalen Wortlaut wiedergeben und dem wir eine Übersetzung ins Neudeutsche befügen, ist ein mehrere Zeilen langer Spruch aus dem 10. Jahrhundert.

Der Text ist in althochdeutscher Sprache verfasst und gehört zu den ältesten Dichtungen in deutscher Sprache.

"Wirke Gottes Willen"

Kurioserweise wurde der Spruch kopfüber, also verkehrt herum, an den Rand eines Folianten aus dem 9. Jahrhundert gekritzelt, in dem Predigten des Kirchenvaters Augustinus gesammelt waren. Der Verfasser ist unbekannt, war aber wahrscheinlich ein Mönch, der zugleich ein klösterlicher Imker gewesen sein muss.

"Sizi sitzi bina"!

Kirst, imbi ist huze!

nu fliuc du, uhiu minaz, hera

fridu frono in godes munt heim zu commone gisunt.

sizi sizi bina! inbot dir sancte Maria

hurolob ni habe du zi holce ni fluc du,

noh du mir nindrinnes, noh du mir nintuuinest.

sizi uilu stillo, uuuirki godes uuillon!


„Christus, das Bienenvolk ist heraußen (= ausgeschwärmt)!

Jetzt fliegt, meine Tiere (mein Vieh), wieder herbei,

damit ihr im Frieden des Herrn, im Schutz Gottes, gesund

heimkommt.

Sitz, sitz, Biene. Das gebot dir die heilige Maria.

Du sollst keine Erlaubnis (= Urlaub) haben,

zum Holz (= in den Wald) zu fliegen,

du sollst mir weder entwischen noch entweichen.

Sitz ganz still und tu, was Gott will (wirke Gottes Willen)!“

(besondere Wörter: uihu = Vieh, Tiere; ind-rinnan = entrinnen; n = Negation; int-uuinnan = entweichen)


Der Lorcher Bienensegen "in Szene gesetzt"

Verfasser der Spielvorlage: Dieter Natus

Zu Beginn der Darbietung steht ein authentisch gekleideter Mönch alleine vor einem leeren Bienenkorb. Er ruft mehrmals „Kirst, imbi ist huze!“ Ein zweiter Darsteller erscheint in der Kleidung eines mittelalterlichen Bauern. Dieser wendet sich dem Publikum zu, erklärt das Szenenbild und gibt eine kurze historische Einleitung.


SPIELLEITER (tritt in der Kleideung eines mittelalterlichen Bauern auf):


Die Hauptperson unserer Darbietung ist dieser mittelalterliche Mönch. Er spricht zu seinen Bienen, die fort geflogen sind. Er ruft in althochdeutscher Sprache einen mehrere Zeilen langen Spruch aus dem 10. Jahrhundert, der zu den ältesten Dichtungen in deutscher Sprache gehört.


Wie dieser Klosterbruder dort könnte er ausgesehen haben.

Ich stehe als mittelalterlicher Bauer vor Ihnen, der ebenfalls Bienenhaltung betreibt. Ich bin zinspflichtig und muss dem Kloster einen Teil meiner Ernte abgeben. Solche Abgabenleistungen in Form des Honig-, Met-, Wachs-, Beuten- und sogar des Schwarm-Zehnts sind in damaliger Zeit in Verträgen, Abgaberichtlinien und Schenkungsurkunden erwähnt und zeugen von der großen Bedeutung der Bienenzucht im Mittelalter. Honig war damals der einzige Süßstoff, Wachs wurde für die Kerzenerzeugung gebraucht, und Met war ein wesentlicher Bestandteil der Trinkkultur.


Während der Mönch nicht nur im Aussehen, sondern auch in seiner Sprache weitgehend authentisch auftritt, werde ich eine Doppelrolle spielen. Einerseits werde ich in meiner Rolle als mittelalterlicher Bauer die Worte des Mönches übersetzen und aus der Zeit heraus kritisch kommentieren.


Andererseits werde ich auch meiner Rolle als Spielleiter gerecht, indem ich unser heutiges Wissen über die Bienen und die mittelalterliche Bienenhaltung anklingen lasse.


Sie werden einiges aus der Geschichte der Bienenhaltung erfahren, zugleich aber auch einen kleinen Einblick in das Denken des mittelalterlichen Menschen bekommen, welches in zeitgenössischen Sagen, Legenden, Wundergeschichten und im Brauchtum zum Ausdruck kommt.

 

MÖNCH:

Kirst, imbi ist huze!

 

BAUER:

„Christus, das Bienenvolk ist heraußen (= ausgeschwärmt)!

 

Das hat der Mönch gerade eben gerufen. Und es ist tatsächlich unverkennbar: der Bienenkorb ist leer, das Bienenvolk ist ausgeschwärmt.

Das ist allerdings nichts Ungewöhnliches. Normalerweise sind Honigbienenvölker zwar sesshaft, denn sie bilden eine Einheit mit ihrem Nest. Das besteht aus dem Wabenbau, den Vorräten und einer Behausung wie z.B. diesem Bienenkorb, der im Frühsommer von etwa 20000 Arbeiterinnen mit ihrer Königin bewohnt wird. Größere Bienenwohnungen können sogar noch weit mehr Bienen beherbergen. Männliche Bienen, die „Drohnen“, kommen nur während der Paarungs- und Schwarmzeit von Mai bis etwa August in den Völkern vor. Wenn sich dann ein Volk vermehren will, beginnt es mit der Aufzucht von Königinnen. Kurz vor oder mit dem Schlüpfen der ersten jungen Königin verlässt die alte Königin mit etwa der Hälfte des Bienenvolkes die Behausung. An Honigvorrat nehmen die ausziehenden Bienen soviel mit, wie sie in ihrer Honigblase davontragen können. Sie müssen sich eine neue Behausung suchen und dann sofort mit dem neuen Wabenbau beginnen. Manchmal können sogar mehre Schwärme hintereinander von einem Bienenvolk abgehen.

Als einfacher Bauer kann ich nicht lesen und schreiben wie dieser Klosterbruder dort, aber ich verstehe mein Imkerhandwerk. An die Wirkung dieser frommen Sprüche glaube ich nicht. Wir bäuerlichen Imker verfolgen die Bienen mit lautem Lärm, damit sie sich niederlassen oder wieder zu ihrem Korb zurückfinden.

 

MÖNCH:

nu fliuc du, uhiu minaz, hera

fridu frono in godes munt heim zu commone gisunt.

 

BAUER:

Jetzt fliegt, meine Tiere (mein Vieh), wieder herbei,

damit ihr im Frieden des Herrn, im Schutz Gottes, gesund

heimkommt.

 

Ich habe natürlich nichts dagegen, dass die christliche Kirche der Biene eine besondere Bedeutung zuspricht. Sie soll das einzige Lebewesen der Schöpfung sein, das unverwandelt aus dem Paradies übrig geblieben ist. Mit Gottes Segen habe sie der sündigen Menschen wegen das Paradies verlassen und sammele nun das Wachs, ohne das die Messe nicht gesungen werden kann.

Für unseren bäuerlichen Alltag sind solche Vorstellungen von der Frömmigkeit und Heiligkeit der Biene wenig hilfreich. Die Bienen sind für uns Nutztiere, vielleicht die Ältesten der Menschheit. Nur echte Haustiere sind sie nie geworden. Die Biene ist bis heute ein wildes Tier geblieben.

Glaubt mein frommer Bruder wirklich, dass die Bienen auf sein Rufen hören? Sie werden es nicht tun. Sie folgen nur ihren natürlichen Instinkten. Wenn wir uns allerdings auf sie einstellen, werden die Bienen tun, was wir wollen.

Sehen Sie den qualmenden Rauchtopf dort? Für die Bienen ist dieser Rauch ein Alarmzeichen. Bei einem Waldbrand muss das ganze Volk normalerweise seinen Bau verlassen. Weil wir das wissen, geben wir den Bienen Rauch. Dann füllen alle Bienen schnell ihren Honigmagen, um für die vermeintlich bevorstehende Flucht vorbereitet zu sein und Wegzehrung für etwa 3 Tage zu haben. Sie sind also mit ihren Fluchtvorbereitungen beschäftigt und werden uns kaum angreifen, wenn wir z.B. Honigwaben aus ihrem Nest entnehmen wollen. Sie sehen an diesem Beispiel: Die Bienen machen, was sie wollen, aber wir können manchmal ihr Verhalten in eine gewünschte Richtung lenken.

 

MÖNCH:

sizi sizi bina! inbot dir sancte Maria

 

BAUER:

Sitz, sitz, Biene. Das gebot dir die heilige Maria.

 

Jetzt ruft der Mönch auch noch die Gottesmutter zu Hilfe. Aber was hat die mit den Bienen zu tun?

Die Biene ist das Sinnbild für die Gottesmutter. Weil man nämlich antiken Autoren folgend annahm, dass Bienen ihren Nachwuchs nicht zeugten, sondern von Blüten sammelten, galt die Biene der Kirche im Mittelalter als Symboltier für Reinheit. Die Biene wurde infolge

dessen das Sinnbild für Maria und für die jungfräuliche Geburt des

Erlösers.

Dieser Denkansatz ist für die liturgische Praxis der mittelalterlichen Kirch von großer Bedeutung, was ich Ihnen später noch zeigen werde. Der Volksglaube entwickelt diesen Gedanken weiter. So stechen Bienen angeblich keine Jungfrauen, und wenn die Frau eine Biene isst, wird sie nicht schwanger. Ich empfehle allerdings keiner Frau, dieses Verhütungsmittel ausprobieren zu wollen.

 

MÖNCH:

hurolob ni habe du zi holce ni fluc du,

 

BAUER:

Du sollst keine Erlaubnis (= Urlaub) haben,

zum Holz (= in Wald) zu fliegen,

 

Warum sollen die Bienen denn nicht in den Wald fliegen? Sind sie nicht eigentlich Waldtiere?

Sie dürfen nicht in den Wald fliegen, weil unser Mönch die Hausbienenhaltung betreibt. Bei dieser Wirtschaftweise werden die Bienen in Bienenkörbe eingesetzt, die aus Strohseilen gewunden und liegend als „Walze“ oder mit der Öffnung nach unten stehend als „Stülper“ hergestellt wurden. Einen solchen Bienenkorb möchte ich Ihnen im Detail zeigen. (Der Bauer führt dem Publikum die Vorzüge dieser Bienenbehausung vor!)

Viel älter, aber im Mittelalter immer noch weit verbreitet, war allerdings die Waldbienenhaltung. Die Waldimker, auch „Zeidler“ genannt, waren eine angesehene Zunft. Sie ernteten die Honigwaben von wilden Bienen, die in Baumhöhlen lebten. Im Gegensatz zu den neolithischen Bienenjägern trieben sie an den Bienenvölkern keinen Raubbau, sondern legten in ausgesuchten und gut vorbereiteten Bäumen mit der Zeidleraxt hoch über dem Boden künstliche Höhlen an, die sie den Bienen als Wohnung anboten. Diese wurden Beuten genannt, eine Bezeichnung, die sich bis in die Neuzeit für Bienenbehausungen erhalten hat. Um die Bienen anzulocken wurden diese Aushöhlungen mit duftenden Kräutern oder mit Honigwasser eingerieben.

Zog ein Bienenvolk in die neue Beute ein, so war es Eigentum des Zeidlers, der den Bienenbaum mit seinem Zeichen gekennzeichnet hatte. So wird verständlich, warum unser Mönch nicht zulassen will, dass seine Bienen in den Wald fliegen.

Die Waldbienenhaltung war übrigens nicht nur sehr ertragreich, sondern auch nachhaltig. „Gezeidelt“, d.h. Honigwaben ausgeschnitten wurde nämlich erst im folgenden Jahr nach dem Einzug und erst zu Beginn der Baumblüte, dann also, wenn es für die Bienen wieder reichlich Nektar zu holen gab. Der Zeidler nahm den Bienen also nur den Teil der Honigvorräte, den sie während des Winters nicht verbraucht hatten.

 

MÖNCH:

noh du mir nindrinnes, noh du mir nintuuinest.

 

BAUER:

du sollst mir weder entwischen noch entweichen.

 

Diese Worte werden die Bienen kaum beeindrucken. Und Bienen sind sowieso keine Haustiere, die man festbinden kann. Aber auch wilde Tiere wollen sich wohl fühlen. Unser Mönch sollte die Hausbienenhaltung richtig betreiben. Er sollte sich um seine Bienenvölker kümmern, sie vor Witterungseinflüssen, Fressfeinden und Schädlingen schützen, ihnen durch einen Wechsel des Standortes optimale Tracht bieten und sie in Notzeiten mit Honigwasser füttern.

Im Herbst kann er dann aus den schwersten und aus den leichtesten Körben die Bienen austreiben und den Wabenbau ausschneiden.

Nur etwa ein Viertel des Völkerbestandes, junge, mittelstarke, gesunde Völker mit jungen Königinnen und jungem Wabenbau, sollte er als „Leibimmen“ auf dem eigenen Honigvorrat überwintern.

Das ist die fachgerechte Praxis bei der Hausbienenhaltung im Mittelalter.

Im Übrigen pflegen die bäuerlichen Imker einen geradezu familiären Umgang mit ihren Immen. Wenn z.B. ein Imker stirbt, so wird das den Bienen mitgeteilt, und man verhüllt die Stöcke mit schwarzen Tüchern, damit die Bienen trauern können.

 

MÖNCH:

sizi uilu stillo, uuuirki godes uuillon!

 

BAUER:

Sitz ganz still und tu, was Gott will (wirke Gottes Willen)!“

 

Ja, so will es die Kirche. Alles soll sich dem Willen Gottes unterordnen, und was der Wille Gottes ist, das bestimmt natürlich wiederum die Kirche. Gott habe die Biene geschaffen, so heißt es, damit sie die Kirche erleuchte. Sie soll also Bienenwachs liefern.

Das Wachs der Bienen ist nämlich aus theologischen Gründen (!) unverzichtbar.

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, vielmehr wird er das Licht des Lebens haben“. So heißt es nämlich im Johannesevangelium Kapitel 8, Vers 12.

Die mittelalterliche Kirche legt dieses Wort Jesu dahingehend aus, dass zwischen der sinnlichen Erscheinung, also dem Kerzenlicht, und der abstrakten Bedeutung, also dem ewigem Leben, nicht unterschieden werden könne. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass es nicht gestattet werden darf, den Gottesdienst ohne Kerzenlicht zu zelebrieren. Mehrere Synoden beschäftigten sich mit dem für die Eucharistie unerlässlichen Kerzenbedarf. Sie legten fest, dass alle Kerzen, die kultischen Zwecken dienten, als ein Symbol Christi betrachtet werden müssten und deshalb aus dem „allerreinsten Stoff“ zu sein hätten. Und das sei allein das Wachs der „jungfräulichen Biene“. Folgerichtig wurde 1150 angeordnet, dass mit dem Bau einer Kirche erst dann begonnen werden dürfe, wenn der Bedarf an Bienenwachs zur Feier der heiligen Sakramente gesichert sei.

 

MÖNCH:

sizi uilu stillo!

 

BAUER:

Sitz ganz still!

Biene im mittelalterlichen Volksglauben

Auch auf diesen Befehl will das ausgeschwärmte Bienenvolk offenbar nicht hören. Sollten wir vielleicht eine Methode anwenden, wie sie uns der mittelalterliche Volksglaube empfiehlt? Vielleicht findet sich aus dem Publikum eine weibliche Person, die das Verfahren demonstrieren kann, von dem ich Ihnen jetzt berichte:

„Ein Bienenvater bemerkte, dass die schwärmenden Bienen seinen Garten verließen. Frau, rief er besorgt, komm schnell, die Immen ziehen fort! – Sie werden wohl hier bleiben, entgegnete kurz die Frau, befreite ihren schönsten Körperteil jeglicher Hülle, kehrte ihn den Bienen zu und wies noch obendrein mit dem Zeigefinger darauf. Kaum hatte sie das getan, machten die Schwarmbienen in der Luft kehrt, flogen zurück und ließen sich in dem Garten des rechtmäßigen Eigentümers nieder.“

Göttertrank unserer germanischen Vorfahren

Sollte auch diese Methode heute nicht fruchten, so lassen wir die Bienen fliegen und werden uns zum Schluss lieber einem Bienenprodukt zuwenden, das wir Ihnen zum Dank für ihre Aufmerksamkeit anbieten wollen.Neben Honig und Wachs war ein aus Honig gewonnenes alkoholisches Getränk im Mittelalter sehr begehrt, nämlich Met. Der Bienenvater des Klosters lädt Sie zum Umtrunk an seine Feuerstelle ein. Probieren Sie den Götter- und Heldentrank unserer germanischen Vorfahren, den wir nach mittelalterlichem Rezept für Sie gebraut haben.