Lyrisches

Endlich!

Ich hechte himmelhoch hinauf,

ich fange den Faden der fliegenden Spinne im Wind,

ich segle dahin auf schlierig schillernden Seifenblasen,

erblicke den blauen Himmel hinter blühenden Bäumen,

ich träume den verloren geglaubten Traum meiner Träume:

Ich selbst zu sein.

Adelheid Natus

Sand der Zeit

Was bleibt von uns, wenn wir die Anker lichten?

Im besten Falle ein bis zwei Geschichten.

An unsern Bildern schleift der Sand der Zeit.

Was sonst noch bleibt, ist die Vergänglichkeit.

Adelheid Natus

Einfach leben

Der Vogel singt

und fragt nicht, wer ihm lauscht.

Die Qelle rinnt

und fragt nicht, wem sie rauscht.

Die Blume blüht

und fragt nicht, wer sie pflückt.

O sorge Herz,

dass gleiches Tun dir glückt.

Julius Sturm

Der freigebige Baum

Bei einem Wirte wundermild,

da war ich jüngst zu Gaste;

ein goldner Apfel war sein Schild

an einem langen Aste.

Es war der gute Apfelbaum,

bei dem ich eingekehret;

mit süßer Kost und frischem Schaum

hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus

viel leichtbeschwingte Gäste;

die sprangen frei und hielten Schmaus

und sangen auf das beste.

Ich fand ein Bett zu süßer Ruh

auf weichen grünen Matten;

der Wirt, er deckte selbst mich zu

mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt' ich nach der Schuldigkeit,

da schüttelt er den Wipfel.

Gesegnet sei er allezeit

von der Wurzel bis zum Gipfel !

Ludwig Uhland

Vor dem Tor

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

im Tale grünet Hoffnungsglück;

der alte Winter, in seiner Schwäche,

zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dort her sendet er, fliehend, nur

ohnmächtige Schauer körnigen Eises

in Streifen über die grünende Flur.

Aber die Sonne duldet kein Weißes,

überall regt sich Bildung und Streben,

alles will sie mit Farben beleben;

doch an Blumen fehlts im Revier,

sie nimmt geputzte Menschen dafür.


Kehre dich um, von diesen Höhen

nach der Stadt zurück zu sehen!

Aus dem hohlen finstern Tor

dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

denn sie sind selber auferstanden:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

aus der Straßen quetschender Enge,

aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

sind sie alle ans Licht gebracht.


Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge

durch die Gärten und Felder zerschlägt,

wie der Fluß in Breit und Länge

so manchen lustigen Nachen bewegt,

und, bis zum Sinken überladen,

entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden

blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,

hier ist des Volkes wahrer Himmel,

zufrieden jauchzet groß und klein:

Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I