Lebens-Kunst

Im 21. Jahrhundert könnten Philosophie und Meditation, zusammen praktiziert, ein grundlegendes Element einer zeitgemäßen LebensKunst sein.

Philosophie ist eine Grundlagenwissenschaft mit vielen Disziplinen. Sie setzt sich einerseits differnziert und kritisch mit den anderen Einzelwissenschaften auseinander. Andererseits will sie den Menschen grundlegende Lebensorientierug vermitteln, damit sie besser die Natur, sich selbst, andere Menschen und die Welt verstehen und menschlicher handeln können.

Meditation ist eine in vielen Religionen und Kulturen ausgeübte spirituelle Praxis. Durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen soll sich der Geist beruhigen und sammeln. Aber auch dies soll dazu dienen, intensiver und menschlicher zu leben.

Unterschiede in Zielsetzung und Methode

Philosophisches Denken verlangt methodische Disziplin, geistige Klarheit und eine Leidenschaft des Fragens und Antwortens. Meditatives Denken dient der konzentrierten Ausrichtung des Geistes und der Zähmung des wilden Automatismus unserer Gedankenwelt.


Es sind also Unterschiede in  Zielsetzung und Methode, die oft Vertreter beider Denkrichtungen unversönlich gegeneinander aufbringen:

„Philosophie, das glaube mir,

ist keine leichte Sache,

ist Wissenschaft, sie deutet dir

die Welt in klarer Sprache.

Nicht mit Gefühl, mit Logik nur,

- und beides musst du trennen -,

kommst du der Weisheit auf die Spur und kannst dich Denker nennen“.

"Haarspalterisch und seelenlos

ist euer kluges Denken.

Im Diskutieren seid ihr groß,

es wird nie Weisheit schenken.

Nur Ruhe und Gelassenheit

im inneren Erleben

befähigt uns zur Achtsamkeit,

um Weisheit zu erstreben."

Dieter Natus


Vereinbarkeit von philosophischem und meditativem Denken

Doch eine klare Abgrenzung der Begriffe Philosphie und Meditation wird selbst in der Philosphiegeschichte nicht immer vorgenommen. So ist die Bezeichnung Meditation auch für Texte verwendet worden, welche die Ergebnisse in die Tiefe gehenden philosophischen Nachdenkens darstellen, so etwa für Mark Aurels "Selbstbetrachtungen" oder Descartes' "Meditationen über die Grundlagen der Philosophie".

Und der Philosoph Arthur Schopenhauer hat schon in seinen jungen Jahren den ansonsten von ihm hoch geschätzten Lehrer Immanuel Kant, dessen Werk "Kritik der reinen Vernunft" immerhin den "Beginn der modernen Philosophie" markierte, mit den Worten kritisiert: “Es ist vielleicht der beste Ausdruck für Kants Mängel, wenn man sagt: er hat die Kontemplation nicht gekannt.” Dementsprechend wurde und blieb dann auch die Kontemplation, später von Schopenhauer auch Meditation genannt, ein zentrales Thema seiner Philosophie.

Auch bei einem "Sonderling" der antiken Philosophie ist die Trennung von Meditation und Philosophie kein Thema. Der Philosoph Epikur geriet in ein moralisches Zwieliicht, weil er nicht nur lehrte, sondern mit seinen Anhängern eine Lebensgemeinschaft in jenem berühmten Garten Kepos führte. Diesen Garten machte er zu einer Plattform der Ruhe, der meditativen Konzentration und der tiefsinnigen Gespräche. So wie ihm der Garten die Ordnung in der Natur aufzeigte, so vertrat er seine Lehre von der Ökonomie des Wohlbefindens im philosophischen Gespräch.

Garten als philosophisches Atelier und Meditationsraum

Das Leben in der Natur und auch die Wartung eines Gartens gibt uns Erkenntnisse an die Hand, die uns im Umgang mit uns selbst hilfreich sein können. Das war ein Grundansatz der epkureischen Philosophie.

Wie bei der Pflege eines Gartens gibt es auch bei jedem einzelnen Menschen in seinem Bemühen um ein glückliches Leben keine normativ anwendbaren Vorschriften und keine Regeln, die nicht auch immer wieder ausgesetzt werden können oder müssen. Und wie im sprießenden Garten sind auch in der menschlichen Entwicklung Unregelmäßigkeiten, Abweichungen, Widerstände und Brüche an der Tagesordnung.

Gartenbeobachtung, Selbstbetrachtung und philosophisches Denken gehen deshalb in der epikureischen Gemeinschaft Hand in Hand. Sie machen das Gemeinschaftsunternehmen "Garten" zu einem von Anfang bis Ende lohnenden Projekt. Denn die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Vorgänge und Tätigkeiten - sinnliches Wahrnehmen und Nachsinnen, anstrengendes Graben und mühsames Grübeln, Teilnahme am Leben und am Sterben der Kreaturen im Garten - erwecken in ihrem Einklang ein hohes Lustgefühl. „Das Entstehen des höchsten Gutes und der Genuss daran sind gleichzeitig.“  (Epikur)

Das Bemühen um größere Klarheit des "eigenen" Geistes in der Meditation, verbunden mit diszipiniertem philosophischen Denken, kann dem Individuum auch im Zeitalter der Globalisierung zu einem besseren Verständnis von sich selbst und seiner Welt verhelfen und ihn zur LebensKunst befähigen.