Kein Kinderspiel

„Na, wo hast du denn heute gespielt? Ich hab dich den ganzen Nachmittag weder gehört noch gesehen.“

„Wir sind Karussell gefahren. So richtig ging’s ja nicht, aber beinah’.“

„Wo kann man denn in Mauloff Karussell fahren, wenn nicht grade Kerb ist?“

„Oberhalb vom Friedhof, unter dem Vogelkirschbaum. Da stehen doch die zwei Pfosten mit so eisernen Flügeln dran. Das sieht aus, als wär’s eine Tür. Und da haben wir uns an die Flügel gehängt und uns mit den Füßen abgestoßen. Es hat ja arg gequietscht, aber es war schön.“

„Ich will nicht, dass ihr da noch mal Karussell spielt. Mach das nie wieder!“

„Warum nicht? Es gibt im ganzen Dorf keinen andern Platz, wo man so etwas spielen kann.“

„Ich will das nicht, verstanden? Und jetzt geh Holz in die Kiste tragen!“


Das war ungewohnt. Sonst hatte die Großmutter immer eine vernünftige Begründung parat. Man durfte zum Beispiel Glucke spielen, aber nicht im Hühnernest, weil man sich da Milben einfangen könnte. Und wenn man es ausprobierte, stellte sich heraus, dass die Großmutter Recht hatte. Man durfte nicht mit dem Strohschneider spielen, weil man da seine Finger verlieren könnte. Hier gab es ein lebendiges Anschauungsbeispiel aus dem Dorf. Man durfte nicht bis ins Eulenloch klettern, weil man abstürzen könnte. Das testete man besser gar nicht erst aus. Das Kind erlebte zum ersten Mal, dass ein Verbot nicht begründet wurde. Die Großmutter war merkwürdig ernst geworden. Besser, man hielt sich an die Anordnung.

 

Aus dem Kind war mittlerweile eine Frau geworden, die schon erwachsene Kinder hatte. Sie war in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, hatte mit ihrem Mann und ihren Kindern ein eigenes Zuhause begründet.

Im Fernsehen lief ein Kulturfilm über Steppenkosaken in Kasachstan. Plötzlich tauchte da in der Graslandschaft ein eiserner Pfosten auf, an dessen oberem Ende sich ein eiserner Flügel im Wind drehte. Noch einer wurde gezeigt und noch einer. Es waren Kosakengräber. So waren in früheren Jahrhunderten die freien Steppenreiter bestattet worden. Urplötzlich entstand aus der Erinnerung der Frau das Bild aus den Kindertagen wieder. Genau so hatten die Pfosten unter dem Vogelkirschbaum ausgesehen! Und dann gesellten sich zu dieser Information weitere Bruchstücke, die im Dorf hinter vorgehaltener Hand weitergegeben worden waren, mit denen sie bisher nichts hatte anfangen können. Aber alle Mosaiksteinchen zusammengefügt ergaben eine anrührende Familiengeschichte voller Heimatlosigkeit, Hoffnung, Enttäuschungen, Verschweigen und Vergessen, von der sie bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Begebenheiten, wie sie nur hier, im hohen Taunus, nahe der Kreuzung zweier alter Heerstraßen, sich hatten abspielen können. In einem Augenblick, in dem ein Atemzug der großen Weltgeschichte das kleine Dorf Mauloff streifte.