Die Zinnerne Glocke

Wären die Schweden an jenem trüben Novembertag nicht aus dem von ihnen leer geplünderten und gebrandschatzten Usingen gekommen; hätte nicht ausgerechnet an jenem kalten Nachmittag ein kleines Menschlein beschlossen gehabt, auf diese unwirtliche Welt zu kommen; hätte nicht die Wehmutter darauf bestanden, dass man trotz der unsicheren Zeit ein Feuer im Ofen anzünden solle – dann wäre der Saalhof hoch droben am Pass in die Ems vielleicht auch diesmal davongekommen. So aber folgte der Tross dem ausgestreckten Arm des Spähers zu der dünnen Rauchsäule, die sich fern im Westen in den Himmel kringelte. Eine hohe Mauer stand da, das versprach Beute! Die alte Heerstraße führte die Marodeure direkt zum Tor. Um das Leben seiner Frau zu schonen, die in den Wehen lag und sich mit der Geburt ihres Kindes abmühte, hatte der Verwalter des Hofes befohlen, alle Vorräte herauszugeben bis auf das Saatgut. Dem Hauptmann indes genügte das nicht. Er ließ den Vogt foltern. Seine Hilferufe mischten sich mit denen der Gebärenden. Die aber war über die Schreie ihres Mannes so verzweifelt, dass ihr vom jahrelangen Hunger gezeichneter Körper gerade noch die Kraft aufbrachte, das neue Leben zur Welt zu bringen. Sie starb zur gleichen Zeit, als die Soldaten ihren Mann erschlugen. Die Wehmutter, nichts Gutes ahnend, ergriff das kleine Bündel Mensch und verschwand auf heimlichem Pfad in die Dunkelheit. Der Saalhof ging in Flammen auf.

 

Als der Morgennebel sich lichtete, hatten die Plünderer wiederum Grund zur Freude: Was von fern durch die Biegung des Tales den Blicken verborgen geblieben war, breitete sich einladend aus: Eine Mauer zur Talseite, dahinter etwa 30 kleine Höfe, geschützt zum Wald durch Gebück! Das würde ein Fest werden! Und schon trampelten die Füße, stampften die Reiterpferde und rollten die Wagen des Trosses. Das Dorftor wurde eingerammt, da die Bewohner sich verschanzt hatten. Diesmal hatte das Verstecken und Leise-Sein den Mauloffern nicht geholfen.

 

Zuerst begehrte der Hauptmann vom Pfarrer der Kapelle den Messwein. Als der beteuerte, es gebe schon lange keinen mehr, riss er die kleine Zinnglocke am Strang herunter, dass sie einen Sprung bekam. Dann befahl er, den Pfarrer mit dem Glockenstrang zu erhängen. So geschah es. Nun bereuten die Bewohner, dass sie geblieben waren. Ein Hof nach dem anderen wurde heimgesucht, Vieh und Vorräte geplündert, die Menschen misshandelt, wenn sie nichts herausgaben oder sich nicht fügten. Eine ganze Woche lang nahm sich die Truppe alle Freiheiten im Dorf. Dem Bauern des größten Hofes, dem langen Peter, ließ er Jauche einflößen, um noch Kunde über irgendwelche verborgenen Schätze aus ihm herauszupressen. Seine junge Frau Katharina, eine Base der soeben im Kindbett Verstorbenen, warf sich schützend über ihn. Da schlug man ihr die Zähne ein und warf die Ohnmächtige auf einen der Trosswagen. Als nun nichts mehr zu holen war, wurde Mauloff angezündet. Ein Geruch von Brand und Leichen verbreitete sich im Dorf. Die Schweden zogen ab. Katharina wurde als Marketenderin mitgenommen. „Ach wäre ich doch auch gestorben wie die Anna im Kindbett!“ rief sie ein ums andere Mal. Alles Jammern half ihr nicht. Ihre Haare hatten sich über Nacht weiß gefärbt.

 

Zwölf weitere Jahre waren vergangen. Endlich war in Münster in Westfalen der Friede nach 30 Jahren Krieg verkündet worden. Noch war das Land nicht sicher, doch die Menschen schöpften Hoffnung. Katharina, vom Heimweh geplagt, hatte sich aufgemacht in ihr Heimatdorf. Doch welche Enttäuschung! Als sie nach Monaten im Dorf ihrer Kindheit und Jugend eintraf, standen von den ehemals 30 Höfen nur noch fünf gemauerte Keller ohne Türen und Läden. Im Turm der Kapelle wuchs Buschwerk. Das Dorf war menschenleer. In einer Ecke der Kapellenmauer schimmerte etwas Graues. Katharina scharrte die alte Zinnglocke aus, ergriff einen Stein und schlug die Glocke im Rhythmus des Läutens. Sie blieb allein. Jeder andere hätte sich in solch unheimlicher Umgebung bedroht gefühlt, doch durch das Umherziehen mit den Soldaten war die Rückkehrerin abgebrüht. Drei Tage lang schlug Katharina zur Mittagszeit die Glocke. Sie ernährte sich von Beeren, Wurzeln, Samen und Nüssen. Am vierten Tag war ihr, als bewege sich ein Busch. Am fünften endlich hoben sich zwei schwarze Schöpfe über die Bruchsteinreste: „Warum machst du das jeden Tag?“ „Es ist Friede im Land! Wo sind die anderen?“ „Es gibt keine anderen außer uns und unserer Schwester. Die lassen wir lieber im Wald. Da ist sie sicher. Wer bist du?“ „Ich bin Katharina Elisabeth Ott aus Mauloff. Meinem Mann gehörte der größte Hof im Dorf. Die Schweden haben ihn getötet und mich mit fortgeschleppt. Meine Base starb im Kindbett, als die Schweden den Saalhof anzündeten. Aber ich habe noch vier Geschwister. Die suche ich.“ Die jungen Männer kannten niemanden. Sie wollten auch nicht für Katharina arbeiten. Es gab Land und Wald genug. Ihre eigenen Vorfahren und Verwandten hatten im Dorf Mauloff drei Höfe bewirtschaftet, erklärten sie. Dort gebe es nun genug zu tun. Sie waren keine Menschen, die für andere ackern und schaffen wollten. Müde machte sich Katharina auf, die Nachbardörfer durchzukämmen. Endlich stieß sie in Neuweilnau auf eine Familie, deren Vater einst als Säugling von der Wehmutter in dunkler Nacht vor den Schweden gerettet worden war. Auch er war nicht erfreut über Katharinas Ansinnen, sie bis zu ihrem Tode zu pflegen gegen die Überschreibung eines zerstörten Hofes in Mauloff. Aber das Schicksal seiner Tante rührte ihn. Sie durfte bleiben.

 

Die zersprungene Zinnglocke ließ Katharina in Mauloff zurück. Die jungen Männer hatten sie im zerstörten Glockenturm aufgehängt und schlugen sie nun täglich zum Zeichen für einen neuen Anfang.

 

Da sie nicht aus Bronze bestand, blieb sie über alle kriegerischen Zeiten einschließlich zweier Weltkriege hin dem Dorf erhalten, während die Glocken anderer Gemeinden zu Waffen verarbeitet wurden. Bis 1954 war dies die einzige Glocke in Mauloff. Dann wurde ein neues Bronzegeläute angeschafft. Die alte Zinnglocke wurde nach Steinfischbach verkauft. Dort hängt sie heute im Rathausturm.