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"Richtig gesund" - in Merino-Wolle?

Die Merino-Wolle hat gute Eigenschaften und wird immer öfter auch für die Herstellung von Sport- und Outdoor- Bekleidung eingesetzt. Sie ist ein nachwachsender Rohstoff aus dem Fell von Tieren, die nicht geschlachtet werden müssen.

Kleidung mit Fasern aus dieser Wolle sind demnach mit gutem Gewissen zu empfehlen - oder? PETA beklagt Tierquälerei.

Die Wollfasern der Merinowolle sehr fein. Im Vergleich zu herkömmlicher Schafwolle (30 - 50 Mikron) sind sie nur halb so dick (15 - 25 Mikron).

Durch die Feinheit der Fasern ist Merinowolle sehr viel angenehmer auf der Haut. Während die großen Fasern der herkömmliche Wolle häufig die Nervenzellen auf der Haut reizen, krümmen sich die dünnen Fasern aus Merino-Wolle und kratzen dadurch deutlich weniger.

Merinowolle hat aber noch sehr viel mehr überzeugende Eigenschaften:

Sie trocknet schnell, ist atmungsaktiv, wirkt antibakteriell und daher muss man sie nur sehr selten waschen (geruchsneutral). Außerdem wärmt sie auch im nassen Zustand und besitzt einen natürlichen Lichtschutzfaktor.

Tierschutz-Organisationen PETA beklagt Tierquälerei

Australien und Neuseeland sind die weltweit größten Wollproduzenten.

Die dort am vorrangig vertretene Rasse sind die Merinos. Sie wurden darauf gezüchtet, faltige Haut zu bekommen, damit die Wollausbeute pro Tier noch größer ist.

Die Übermenge an Wolle führt in heißen Monaten dazu führen, dass viele Schafe unter der Hitze an Hitzschlag sterben. Außerdem sammeln sich in den Falten Feuchtigkeit und Urin, sodass Fliegen ihre Eier in den Hautfalten ablegen. Die Larven können die Schafe dann bei lebendigem Leibe auffressen.

Um diesen Madenbefall zu verhindern ist in Australien und Neuseeland ein "Mulesing" genanntes Verfahren gebräuchlich. Dabei wird ohne Betäubung ein Teil der Haut rund um den Schwanz entfernt, sodass dort kein Fliegenbefall auftreten kann. Dazu werden die lebenden Schafe unter Gewaltanwendung auf den Rücken geworfen und ihre Beine zwischen Metallstäben fixiert. Dann schneidet man ihnen – ohne jedes Schmerzmittel – Essteller große Fleischstücke vom Bereich rund um ihren Schwanz weg. So will man erreichen, dass sich eine glatte, vernarbte Fläche bildet, die keine Angriffsfläche mehr für Fliegeneier bietet. Ironischerweise aber werden gerade diese großflächigen blutigen Wunden häufig von Fliegen befallen, noch bevor sie abheilen können.

Die Tierrechtsorganisation PETA ist strikt gegen das Mulesing, weil es Tierquälerei sei und es "humanere Alternativen" gäbe.

Beschwichtigungsversuche und ein Qalitätssiegel

Für die National Farmers Federation dagegen ist die umstrittene Praktik der effektivste Weg, das Risiko des Madenbefalls zu minimieren. Diese These vertritt auch die Australian Veterinary Association (AVA). Sie befürwortet allerdings auch Alternativen im Sinne einer "ethisch vertretbaren Massentierhaltung".

Selbst die Tierschutzorganisation Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals toleriert Mulesing in Gebieten, in denen es keine sinnvolle Alternative gäbe. Sie empfiehlt allerdings Forschungen nach schmerzlosen Methoden als Alternativen.

Im November 2004 trafen sich Delegierte der australischen Wollindustrie und beschlossen, das Verfahren des Mulesing bis Ende 2010 zu beenden. Mittlerweile hat aber die Australian Wool Innovation (AWI) den Termin abgesagt und keinen neuen gesetzt. Die Australian Wool Growers Association behauptet inzwischen, dass seit dem Jahre 2010 bereits in 60 % der Fälle eine lokale Betäubung  angewandt worden sei.

 

Nur die Merino-Industrie von Neuseeland erlegte sich ab Ende 2010 ein freiwilliges Verbot auf, an das sich jedoch nicht alle Farmer halten. Zudem hat die New Zealand Merino Company ein freiwilliges Qualitätssiegel namens Zque eingeführt, das Wolle von Schafen kennzeichnet, die unter anderem nicht dem Mulesing unterzogen wurden.

"Ethisch vertretbare" Massentierhaltung

Allerdings bleibt noch eine "Kleinigkeit" anzumerken: Wenige Wochen nach ihrer Geburt werden den Lämmern die Ohren durchlöchert, die Schwänze abgeschnitten, und die männlichen Tiere werden kastriert – alles ohne Narkose. Die Kastration der männlichen Lämmer erfolgt in der 2. bis 8. Lebenswoche, indem man entweder einen Schnitt macht und die Hoden rausschneidet oder mit einem Gummiring die Blutzufuhr abschneidet – eine der schmerzhaftesten Kastrationsmethoden, die es überhaupt gibt. Alljährlich sterben Hunderte von Lämmern an den Folgen der Witterung oder verhungern, noch bevor sie die 8. Lebenswoche erreichen.

Was also ist eine "ethisch vertretbare Massentierhaltung"?

Meine Skrupel hinsichtlich der Merino-Wolle wurden im Freundeskreis nicht von jedem geteilt. "Dann darfst du  auch keine Hähnchen aus der Käfighaltung essen", meinte einer.  Für ihn hatte ich schnell die passende Antwort:

"Ja, das tue ich auch nicht!".

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