"Kleinvieh macht auch Mist" - Kurzgeschichten und kleine Lebensepisoden

"Pflasterritze" als Gleichnis

  • Mein Leben gleichnishaft als Überleben in der Pflasterritze beschreiben und mit dem Piratenmotiv verknüpfen

Pflasterritzen stellen dabei das wohl beste Beispiel für ein Habitat dar, das von häufiger Störung geprägt ist.

  • Piratenphantom - Piratenschimäre
  • der Alte Pirat in der Pflasterritzen-Gesellschaft
  • Lebensraum: Pflasterritzen
  • der Pflasterritzen-Pirat

"Willst du dich am Ganzen erquicken, so musst du das Ganze im Kleinsten erblicken." - Johann Wolfgang von Goethe, Dichter und Naturforscher

 

In Siedlungsräumen sind Pflanzen permanenten Störungen und Veränderungen ausgesetzt. Dies macht viele Pflanzenarten in Städten zu Überlebenskünstlern. Pflasterritzen stellen dabei das wohl beste Beispiel für ein Habitat dar, das von häufiger Störung geprägt ist. Die Beeinträchtigungen des unscheinbaren Lebensraums sind unterschiedlich, so ist die Vegetation in den Fugen der Pflastersteine räumlichen Eingrenzungen, der ständigen mechanischen Belastung durch den Tritt und das Befahren und stellenweise auch dem Einsatz von Unkrautbekämpfungsmitteln ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Habitate diese speziell angepassten Pflanzenarten bewohnt haben, bevor Städte existierten? Mit höchster Wahrscheinlichkeit kommen die Spezies von zyklisch überfluteten Flussufern. Dementsprechend sind solche Arten von Natur aus an mechanische Störfaktoren angepasst.

 

So unscheinbar solche Nischengesellschaften im Siedlungsraum sind, so stark tragen sie zur Artenvielfalt in Städten bei. Ganz nach der wohl bekannten Redewendung „klein, aber fein“ sind bei genauerem Hinsehen die kleinen Pflanzen häufig auch optisch sehr ansprechend, da die filigranen Blüten vielfach farbenfroh und kontrastreich sind.

"Kleinvieh macht auch Mist", pflegte mein Großvater bei vielen Gelegenheiten zu sagen. Er musste es wissen. Er erlebte zwei Weltkriege und versorgte seine Familie in den schlimmsten Notzeiten mit den Erzeugnissen aus seinem Kleingarten.

Er war Industriearbeiter, kein Bauer. Er nutzte seinen kleinen Schrebergarten in einem Industriegelände, um seinen Kindern das Überleben zu sichern und für sie ein Stück der Welt lebensfreundlicher werden zu lassen. Auf dem Hintergrund weltweiter Krisen und dramatischer Naturzerstörung ist die Maxime meines Großvaters auch heute noch sinnvoll: Kleine Taten können Großes bewirken - besonders dann, wenn wir sie nicht alleine tun.

Wilder Westen (Glück)

Gleich zu Beginn des neuen Jahres mussten wir unseren  geliebten kleinen Kater begraben. Gerade zehn Jahre alt ist unser "Tiger" geworden. Nicht viel, wenn man hört, wie lange Katzen leben können. Aber ein schönes Leben, wenn wir daran zurückdenken, wie er zu uns gekommen war.

Seine halbwild lebende Mutter hatte ihn bald nach seiner Geburt krank in unserem Garten zurückgelassen. Vereinsamt mit Grashalm spielend fanden wir ihn. Was für ein lieber Charakter! Wir haben ihn mit dem Fläschchen aufgezogen und gesundgepflegt. Menschenglück! Doch auch später, als er schon ein stolzer Kater war, mussten wir manches mal wieder um sein Leben kämpfen. Katerstolz und Katerkampf!

Zum Schluss wollte sein kleines Herz nicht mehr, trotz aller Pflege. In seinen letzten beiden Tagen kamen alle, die ihn liebten, um ihn "loszulassen". Auch er nahm Abschied für immer: ein leises Schnurren und ein zärtlicher Katzenkuss für jeden. Das sanfte Anstoßen mit dem Köpfchen sollte uns sagen: "Ich mag euch!".

Und trotz aller Schmerzen wollte er noch wenige Minuten vor dem Tod einen Rundgang durch "seinen" Garten machen. Selbst von dem Pappkarton unter dem Weihnachtsbaum, der jedes Jahr sein Spielhäuschen gewesen war, wollte er sich verabschieden.

Hätten wir nicht noch ein Foto machen sollen? Zu spät, jetzt müssen wir uns mit unserer Erinnerung begnügen. Wir denken daran, wie er beim Tierarzt noch kurz vor der erlösenden Spritze vertrauensvoll ein Auge zu petzte. Könnte sein leises Schnurren nicht vielleicht sein Vermächtnis gewesen sein: Bewahre Dir das Bild von glücklichen Tagen!

Dieter Natus

 

Rambo (Freiheit)

Dem kleinen Schreihals mit dem riesigen Schulranzen musste großes Unrecht widerfahren sein. Deshalb trat ich in den Kreis der Kinder, die den weinenden Erstklässler auf dem Bürgersteig umringten. "Den hat einer über den Zaun geworfen," wurde ich prompt aufgeklärt. Dass er dabei einige Schrammen abbekommen hatte, war unübersehbar. "Er hätte ja auch nicht dem sein Bruder ärgern brauchen," hielt ein anderer aus dem Kreis meinem mitleidigen Blick entgegen. Und ehe ich nach dem Täter fragen konnte, hatte der sich auch schon vor mir aufgebaut. "Ja, diese Freiheit habe ich mir genommen," ließ er mich im Brustton der Überzeugung wissen. Meine Vermittlerrolle war demnach beendet, ich sollte weiter gehen. Das tat ich auch. Dieser Möchte-Gern-Rambo hätte mir ohnehin nicht sagen können, wo sein Unrechts-Bewusstsein geblieben war.

Aber welchen Film ich mir aus seiner Sicht unbedingt ansehen muss, um zu lernen was angeblich Freiheit ist, das hätte ich von ihm bestimmt erfahren können.

Dieter Natus

 

Wilder Westen (Kavaliersdelikt)

Kennen Sie den Klang von Freiheit und Abenteuer? Ich stand vor dem Regal eines Supermarktes und hörte ihn deutlich. Also wollte ich mir die Mundharmonika leisten, die ein großer Kaffeeröster so preiswert anbot. Aber die Verpackung war leer, und ich las ein Schild: "Bitte an der Kasse melden!" Verständlich, überall gibt es Langfinger wie im Wilden Westen.

Schnell stand ich in der Kassenschlange und konnte bezahlen, allerdings nur die vielen Katzenfutterdosen. "Die Mundharmonika gibt Ihnen die Marktleitung", wurde mir erklärt.

Tat sie auch, aber ich sollte sie ebenfalls an der Kasse bezahlen. Schon stand ich noch einmal in der Reihe der Wartenden. Diesmal traf ich dort einen Bekannten. Small Talk! Ich zeigte auf meine ausgebeulten Jackentaschen voller Futter für den Stubentiger und auf die Mundharmonika in der Hand. "Alles für die Seele", beendete ich das Gespräch und bezahlte die Mundharmonika.

Erst im Auto wurde mir klar, warum mein Bekannter mir so merkwürdig nachgeblickt hatte. Peinlich! Oder sollte ich mich über seine Reaktion eher freuen? Nicht jedermann nimmt Ladendiebstahl als Kavaliersdelikt hin - selbst wenn der gar nicht begangen wurde!

Dieter Natus

 

Mutterwitz (Lebenschancen)

Kulturgeschichtlich gesehen ist die Osterzeit die bedeutsamste Zeit des Jahres. Unsere Vorfahren waren froh, dass sich der Winter verabschiedete, der Frühling nahte und die Garten- und Feldarbeit beginnen konnte. Das Osterfest war der Höhepunkt in ihrem religiösen Kalender: "Christus ist wahrlich auferstanden!". Nach der langen Fastenzeit durfte wieder Freude und Genuss gelebt werden. Deshalb wurde gefeiert, so ausgiebig wie wir es in heutiger Zeit nur selten erleben.

Vielerorts versucht man, an alte Traditionen anzuknüpfen. Oster- oder Frühlingsmärkte wollen die Aufbruchsstimmung der Menschen auffangen und festliche Freude verbreiten. Auch in meiner Gemeinde wurde solches geplant. Sollte ich mich – wie es von mir als Hobby-Imker erwartet wurde – an dieser Veranstaltung irgendwie beteiligen? Schließlich ist für Bienenfreunde der Frühling eine aufregende Zeit. Es gilt die Natur zu beobachten und für die neue Bienensaison die richtigen Vorbereitungen zu treffen. Und außerdem ist es mühsam und mit viel Arbeit verbunden, wenig gepflegtes Brauchtum wieder aufleben zulassen. Festliche Stimmung kann so schnell auf der Strecke bleiben. Also absagen!

Es kam jedoch anders. Wieder kam der Anstoß von außen. In meiner Heimatzeitung las ich nämlich am anderen Morgen von einem ganz besonderen Museum, einem Ostereiermuseum. Kein Scherz, das gibt es wirklich – in Würzburg! In dem Zeitungsartikel war ein Bild von einem Ausstellungsstück dieses Museums abgedruckt. Zu sehen war ein „Spruch-Ei“, aus ein kleiner Zettel herausgezogen werden konnte. "Wer Klugheit hat und Mutterwitz, stellt selbst die Eier auf die Spitz", stand darauf geschrieben.

"Von wegen absagen", war ich mir jetzt sicher, "ich werde an dem Ostermarkt teilnehmen, ab er nicht als braver Hobbyimker für Honig und Bienenwachs werben. Ich will ein originelles Produkt kreieren und vertreiben!

Ideen und Witz sollten die Arbeit würzen, und ein origineller Beitrag zum Osterfest sollte der Höhepunkt sein".

So ist es wohl: Man muss sich öffnen können, um die Chancen im Leben erkennen zu können.

Dieter Natus

 

Mümmelmann (Fantasie) 

Die letzte Stunde vor den Weihnachtsferien sollte in besonderer Weise gestaltet werden. Für die Schüler der Schulimkerei war eine Bastelstunde angesagt worden. Jedes Kind konnte aus Bienenwachs zunächst eine Kerze gießen, die dann als Weihnachtsgeschenk fantasievoll verziert werden sollte. Um dazu passende Bildmotive aus bunt gefärbten Wachsplatten  auszustanzen hatten die Kinder Ausstechförmchen aus Mutters Backstube mitgebracht. Schade nur, dass kaum Förmchen mit Weihnachtsmotiven dabei waren. Die Erklärung war einleuchtend: „Die braucht meine Mutter für das Plätzchenbacken.“ Das blieb nicht die einzige Schwierigkeit. "Das Wachs ist ja noch fest," meldete ein Schüler am Wachstopf. Die überlastete Sicherung im Stromkasten hatte den Stromkreis unterbrochen. Das wohldurchdachte Programm war also "gelaufen" noch  bevor es angefangen hatte. Wir konnten unmöglich in zwei Schulstunden das Wachs verflüssigen und für jeden eine Kerze gießen. Nun war die Weihnachtsstimmung dahin. Und die Geschenk-Körbchen auf den weihnachtlich geschmückten Tischen wirkten plötzlich in ihrer knalligen Buntheit wie Osterkörbchen. "Der Weihnachtsmann wird zum Osterhasen," blödelte ein Schüler unter dem Gelächter der anderen. Doch dann sprudelten die Ideen: "Wir können aus den Mittelwänden doch alles mögliche gestalten - eine Weihnachts-Krippe, eine Farm, ein Zoo!". "Ein komischer Zoo, mit nur einem Hasen und einem Lämmchen," zweifelte einer. Doch der Einwand wurde abgetan: "Die anderen Tiere formen wir eben selbst," hieß es überzeugend. "Ich nehme das Förmchen mit dem Hasen," rief eines der Mädchen. Und schon waren alle am Werk. "Dann eben der Mümmelmann", dachte ich, und mir fiel eine alte Volksweisheit ein:  "Oft springt ein Hase da auf, wo man ihn nicht sucht,“ Genau, man sollte die Phantasie von Kindern nicht unterschätzen.

Dieter Natus

 

Nur ein paar Tropfen - Eine indianische Legende

Eines Tages brach ein großer Waldbrand aus. Bestürzt und ohnmächtig sahen die Tiere dem Wüten des Feuers zu. Nur der kleine Kolibri flog umher und holte ein paar Tropfen Wasser, die er aus seinem Schnabel auf die Flammen falle ließ.

Nachdem das Gürteltier seinem Treiben einige Zeit zugesehen hatte, rief es ihm zornig zu: "Kolibri! Bist du verrückt? Mit deinen paar Tropfen Wasser wirst du das Feuer niemals löschen!"

Der Kolibri sah ihm in die Augen und sagte: "Kann sein. Aber ich tue, was ich tun kann." Ja, Kleine Taten können Großes bewirken - besonders dann, wenn wir sie nicht alleine tun.